Harley
Der alte Biker steht vom Tisch auf. Am Nachmittag sind die Tage bereits heiß, aber auf den Fliesen der schmucklosen Terrasse ist es angenehm. Jeden Sonntag essen seine Frau und er hier bei Lucia, sitzen immer an der Brüstung zur Straße hin und schauen den Motorrädern zu, die vom Kreisverkehr abbiegen und vor dem Restaurant beschleunigen. Er lacht über jeden Jungen, der auf einem dieser bunten Joghurtbecher um die Kurve lärmt und dessen Sozia sich mit angewinkelten Beinen an ihn krallt „Schau, die Arme hockt da wie ein Affe auf dem Schleifstein“, sagt er dann und strahlt seine Frau an.
Die beiden Kaffees sind ausgetrunken, aber in seinem Glas steht noch der Rotwein, in letzter Zeit schmeckt er ihm nicht mehr. Als er sich aufstützt schiebt er eine Gabel vom Tisch, die klirrend auf die Fliesen fällt. Er schaut auf die Gabel, dann zu seiner Frau, die am Ausgang wartet, klein, kompakt und elegant, in der Hand die große Handtasche aus Madrid. Sie winkt ab: „Lass liegen, Pacco, dass kann die Kellnerin besser.“ Er nickt, stößt sich vom Tisch ab und geht den Gang hinauf zu ihr. Bis auf die Schulter ringelt sein weißes Haar aus der Baseballkappe der Harley-Davidson Motor Company, auf dem T-Shirt unter der wattierten Weste prangt silbern auf schwarz die Grafik eines Motorblocks: zwei luftgekühlte Zylinder in V-Anordnung mit nur 45 Grad Bankwinkel und davor der verchromte Deckel des Luftfilters.
Er erreicht den Durchgang zur Straße, seine Frau nimmt ihm den Stock ab und führt ihn zu dem Elektrofahrstuhl, der hinter der Terrassenmauer steht. Sie sieht zu, wie er auf dem Sitz des dreirädrigen Wägelchens Platz nimmt. Auf der Bedienfläche vor ihm findet er eine Ladestandsanzeige, einen Drehregler, auf dessen Skala links eine Schildkröte und rechts ein Hase aufgedruckt ist, und rote, gelbe, grüne und blaue Knöpfe. Am Lenker vermisst er den Kupplungshebel. Warum ist da kein Kupplungshebel? Welcher Knopf ist der Anlasser? Seine Hand betastet die Knöpfe. Es ist eine kräftige Hand, die unzählige Kupplungshebel angezogen und wieder gelöst hat, ihr Rücken ist geschwollen und der Ehering fest mit dem Finger verwachsen.
Er versucht sich zu erinnern und während die Hände wie Schwebfliegen über dem Bedienpult hängen, kämmt seine Frau mit den Fingerspitzen durch sein Haar, ordnet Strähne für Strähne, so zart und leicht, dass er es nicht bemerkt. Sie denkt an den Fluss in den Pyrenäen, der in tausend Rinnsale verästelt über die Abbruchkante hinweg seinen Weg ins Tal sucht.
Unzählige Male hat sie auf seiner Harley hinter ihm gesessen und auf die dunkelbraune Mähne geschaut, die unter dem Helm hervor quoll und im Fahrtwind flatterte, während er sie beide die Serpentinen hinauf zur Passhöhe lenkte. Unter ihr blubberte der Motor, die Hitze des Tages hatte nachgelassen und der Fahrtwind roch nach Thymian. Jahr für Jahr schlang sie beide Arme fest um seinen runder werdenden Leib und folgte seinen Bewegungen. Eine Sozia, sagte er jedes Mal, wenn er noch einmal den Riemen ihres Helms festzurrte, eine Sozia müsse wie ein Sack Mehl am Rücken kleben, schwer und weich und anschmiegsam, und stets solle sie auf der Kurveninnenseite über seine Schulter blicken. Dabei war sie schon immer zu zierlich und er zu wuchtig, als dass sie je über seine Schulter hätte blicken können. Stattdessen wehten ihr seine Haare mal auf der einen, mal auf der anderen Schulter in die Augen, bis sie oben angekommen waren und anhielten und den Sonnenuntergang abwarteten, während der Motor leise tickte.
Als er noch immer nicht begreift, wie er auf den Sitz dieses Elektrofahrstuhls geraten war und warum sie nicht aufsteigt, legt sie ihm die Hand auf die Schulter und lässt sie liegen, bis sie spürt, wie er den Druck erwidert.
Der Stuhl setzt sich surrend in Bewegung und mit ihrer Hand auf der Schulter fährt er sie beide zur nächsten Ecke, dann rechts in die Gasse bis zu ihrem Haus, wo der Zuweg breit genug für eine Harley-Davidson ist oder einen Elektrofahrstuhl.
Die Schritte bis zum Eingang wird er alleine gehen, bei der Stufe zur Tür wird sie ihm ihren Arm anbieten und er wird sich darauf stützen und am kommenden Sonntag werden sie wieder bei Lucia essen.
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