Jamel
Wir stehen vor der Alten Schule und rauchen in die Nacht. Es ist noch warm und aus dem Hochbeet drängeln die Zucchini. „Musik ist was Tolles“, sagt Lioba, nimmt noch einen Zug und deutet mit dem Kinn nach Süden. „Da drüben ist das Dorf der Nazis. Jedes Jahr gibts da ein Festival. Da kommen all die Großen aus Berlin und aus dem Westen und machen Musik für umsonst. Das kann man bis hierhin hören, echt geil.“ Ich stelle mir vor, wie Grönemeyer, Campino und Niedecken ihre alten Lieder über uns ausschütten. Arsch hoch - Zäng ussenander! Im Scheinwerferlicht recken wir die gespreizten Finger zum Himmel. Am Rand der Wiese verschmelzen die Rücken der Polizisten mit der Nacht. Hinter dem Einsatzkommando glotzen fleischige Gesichter. Sie hauen Hasssprüche raus, lachen und gucken wieder weg. Das sind die Nazis von Jamel. Dahinter ein Schuppen, beide Fenster weit offen. Darin ein Mann, eine Frau und ein Baby im Dunkeln:
Jamel - es gibt Hirnis, die denken, das liegt in Indien. Die sagen, das hört sich an wie Taj Mahal. Aber Jamel schreibt sich hinten mit „e“ und wir wohnen da und wir sind deutsch, deutscher gehts nicht und keiner von uns hat was am Hut mit Pakis oder Indern oder Bimbos. Vor allem, wenn die nicht von hier kommen, wie Udo immer sagt.
Es ist heiß. Seit Wochen ist es heiß. Heute Mittag kam ein Vogel vom See. Schnurgerade und ganz allein zog er über den totenstillen Himmel und krächzte zweimal. Als er mittenmang über uns war, klappten die Flügel hoch und er fiel runter wie ein Stein. Plumps. Hoffentlich auf die Bühne von den Idioten. Für irgendwas muss es ja gut sein, dass das arme Vieh krepiert.
Dörte kann bei der Hitze nicht schlafen. Ihr Kopf glüht und leuchtet wie eine Glühbirne. Solange ich kann, gebe ich Milch, aber wenn mal alle ist, auch Wasser - obwohl man das ja nicht soll, weil dann noch weniger Milch kommt. Aber soll ich sie verdursten lassen?
Matze sagt, Wasser schadet nichts. Kinder müssen trinken, egal was. Hauptsache keine Bazillen drin. Und wenn doch, ist das gut fürs Immunsystem.
Es stinkt nach Asphalt. Auf dem Flachdach schmilzt die Teerpappe. Das ist bestimmt nicht gut fürs Immunsystem.
Egal - jetzt schläft sie endlich, liegt zwischen Matzes Beinen auf dem Schlafsofa. Er hat seine Arbeitshose noch an und die Beine weit auseinander geklappt, damit es Dörte nicht zu warm wird. Der riesige Kerl auf dem niedrigen Sofa mit den angewinkelten Knien und dazwischen die Kleine, sieht voll süß aus. Ab und zu legt er seine Pranke auf ihre verklebten Haare und streicht ihr den Kopf. Die Kleine ist ganz verquollen, aber ihr gehts gut, hoffe ich.
Die Jacke hat Matze natürlich sofort ausgezogen. Die Hosenräger hat er abgestreift und sitzt im Unterhemd. Sein Brusthaar kräuselt raus und er schwitzt. Matze hat tolle Muskeln. Ich sollte die Fensterläden zumachen, schon wegen der Mücken, aber der Nachthimmel ist türkis und die Hose leuchtet orange um Dörte herum wie ein Heiligenschein.
„Mensch, Matze, du hast ja noch die Stiefel an“, sag ich. Eigentlich will ich, dass er die dreckigen Arbeitsklamotten draußen lässt.
„Psst, sei still“, sagt er. „Du weckst ja die Kleine.“
„Tu ich nicht.“
„Doch, Peggy, die schläft nur ganz leicht und gleich wird sie wach.“
Ja, denke ich, vor allem, wenn die Idioten anfangen. Müsste gleich soweit sein. Den ganzen Tag über sind sie bei uns eingefallen wie die Heuschrecken. Latschen durch die Rüben, parken in Udos Einfahrt, schmeißen ihren Biomüll in unsere Vorgärten und wollten sogar den Wegweiser umtreten, unser Totem. Da hat Udo losgebrüllt und gezeigt, was eine Harke ist. Die Schwuchteln sind gleich hinter der Polizei in Deckung gegangen. Bullen sind überall. In ihren schwarzen Kampfanzügen sehen sie aus wie SS – aber uns nennen sie Nazis.
Matze sagt immer: „Wer keine Häuser bauen kann, der muss welche niederbrennen.“ Wir können nichts bauen. Kein Haus, keinen Garten, nicht mal einen Sandkasten für Dörte. Wir wohnen in einem Zwei-Zimmer-Wohnklo mit Teerpappe auf dem Dach, die schmilzt und stinkt. Im Sommer zu heiß – im Winter zu kalt. Aber wir sind froh, dass Udo uns hier wohnen lässt. Er nimmt nicht mal Miete, nur die Nebenkosten müssen wir zahlen - aber was heißt hier „nur“? Wie sollen wir Dörte durch den Winter kriegen?
Auf dem Acker geht es jetzt los. Die Lichter sind an, der Bass wummert, das Schlagzeug kracht und alle klatschen wie die Doofen. Campino grölt Arsch hoch - Zäng ussenander und Wolfgang und Herbert stehen Schlange für die nächste Strophe.
Malte, Dörte und ich hocken im Dustern und hören weg. Jetzt bewegt sich die Kleine. Sie wird wieder unruhig. Ganz langsam nimmt Matze sie hoch. Mit dem Kind auf den Händen stemmt er sich aus den angewinkelten Beinen in den Stand und kommt rüber zu mir. Seine Hose leuchtet orange, seine Augen leuchten blau und seine Muskeln schimmern im Dunkeln. Matze hält mir das Baby hin. Ich öffne die Hände und nehme es wie ein Geschenk. Jetzt kommt Matze ganz dicht ran, umfasst meine Schultern und streichelt rauf und runter. So sanft, als wären meine fetten Oberarme Dörtes Köpfchen. Ich starre auf seine Brust und die Schlüsselbeine und das bescheuerte, verbotene Tattoo in der Mulde dazwischen. Ich lehne den Kopf gegen ihn und fange an zu heulen. Matze schiebt mich ein bisschen weg, damit die Kleine besser Luft kriegt.
Ich heule immer mehr und schüttele mich und Matze hält dagegen und Dörte gibt den ersten Laut von sich und gleich wird sie schreien und ich bin leer - und draußen singen sie - und alle, alle sind sie gegen uns - und ich kann nicht mehr.
Jetzt lächelt Matze und singt dicht an meinem Ohr: Arsch hoch - Zäng ussenander. Arsch hoch - Zäng ussenander. Ich kichere mit, aber ich tu nur so.
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