Kurts Stories

Deutscher Weinbrand

Eine Verbraucherbefragung

Deutscher Weinbrand Frau + Herr Kurt

Pünktlich um elf klingelte Herr Rosen an der richtigen der beiden Türen meiner Wohnung im dritten Hinterhaus. Die andere war vernagelt und diente als Garderobenrückwand. Hinter ihm funzelte die nackte Glühbirne der Treppenhausbeleuchtung über verbeulte Briefkästen. Ihr Lampenschirm fehlte seit dem Sturm auf Berlin im April des Jahres 1945.

Doch Herr Rosen war nicht alleine gekommen. Neben ihm stand ein fülliger Herr, den ich bisher weder im Vorderhaus noch in einem der drei Hinterhäuser gesehen hatte. Während Herr Rosen wie üblich den grauen Kittel des nimmermüden Hauswarts trug, hatte sein Begleiter einen braunen Anzug gewählt, dessen Wollstoff für die Jahreszeit zu dick war und nach Mottenkugeln roch. Der Hemdkragen wurde von einer breiten Krawatte an den Hals geschnürt und schlug Falten. Der massige Mann war verlegen. Hätte er einen Hut getragen, hätte er ihn jetzt abgenommen und in seinen Maurerhänden gedreht.

Herr Rosen hingegen war die Ruhe selbst. Etwas wackelig stand er auf den streichholzdünnen Beinen und die Nase von der Form einer wuchernden Erdbeere war gerötet. Ein Trilby aus schwarzem Kunstleder klebte schräg auf den strähnigen Haaren. Unter der schlabbrigen Unterlippe floh das Kinn in einen Hals, der dem einer Schildkröte glich und in einem Schildkrötkragen verschwand. Hauswart Rosen umwehte der Dunst von Korn und schwarzem Tabak.

„Tach, Herr Doktor“, begann er und schwankte nach vorne, „da bin ich! Pünktlich wie die Maurer, wa? Aber leider, leider bin ich heut’ morgen verhindert, unabkömmlich sozusagen und kann an Ihrer Marktforschung nicht teilnehmen – leider.“ Als einziger im Haus siezte mich Herr Rosen und nannte mich Doktor. Vielleicht, weil ich studierte oder weil die Wohnung über ein Innenklo verfügte.

„Aber“, fuhr er fort und tippte mit dem Zeigefinger auf die Hemdbrust seines Begleiters, „aber ich hab’ Herrn Wroblewski mitgebracht und der ist interessiert und bereit und befähigt – bestens befähigt sogar -, sich der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen und alle Fragen zum Thema Cognac und Weinbrand und so weiter zu beantworten.“

Der kleine Herr Rosen klappste dem großen Herrn Wroblewski auf die Schulter und schob ihn in meine Richtung. Der wagte es endlich, mir die Hand entgegenzustrecken. Ich schüttelte sie, dankte Herrn Rosen und bat Herrn Wroblewski herein.

Die Wohnung war aus zwei Wohnungen zusammengelegt worden. Mit einem Vorschlaghammer hatte ich die Wand zwischen beiden Fluren eingeschlagen, den Durchbruch schludrig verputzt und mit Raufaser kaschiert. Nun führte ich Herrn Wroblewski in das so entstandene Wohnzimmer und bat ihn, auf dem goldgelben der beiden Sperrmüllsessel Platz zu nehmen. Ich selbst setzte mich ihm gegenüber in den rostroten Ohrensessel.

Noch immer klebte an den Fenstern die Baufolie, die in den Wintermonaten eine Doppelverglasung ersetzte, und die Frühlingssonne drang milchig ins Zimmer. Herr Wroblewski sank tief in den Sessel, setzte sich aufrecht und schaute mich an.

Hinter mir sah er das Ivar-Regal mit Schallplatten, Stereoanlage und drei Bänden der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Ich hatte sie im Osten billig gekauft und gut sichtbar aufgereiht, um meine Eltern zu ärgern. Daneben sämtliche Werke von Carlos Castaneda und eine Handvoll pädagogischer Fachbücher.

Auf dem runden Couchtisch zwischen uns hatte ich alles bereitgelegt, was der Evaluation von Weinbrandinseraten, Weinbrandetiketten, Weinbrandflaschen und schließlich dem Weinbrand selbst diente: Seitenweise Multiple-Choice-Fragen, Freitextassoziationsfelder und Skalen, die ergründeten, was der Mensch bei Weinbrand fühlt. Anschließend galt es Farbe, Blume und Geschmack verschiedener Weinbrandmarken zu verproben. Hierfür standen vier nummerierte Fläschchen bereit. Jede enthielt einen doppelten Weinbrand.

Zum Schluss sollte die Anmutung von Werbefotos bewertet werden. Das Marktforschungsinstitut rechnete mit einer Befragungsdauer von anderthalb Stunden.

„Ich heiße Ingo“, sagte ich. „Ich heiße Hans“, sagte Herr Wroblewski und lockerte die Krawatte. Der Sessel ächzte. Hans wartete, während ich im Papierstapel herumraschelte, bis ich die Titelseite fand. Ich räusperte mich und las die erste Freitextfrage:

„Was empfinden Sie beim Gedanken an Deutschen Weinbrand?

Hans lehnte sich in den Sessel, der noch einmal protestierte, und blickte sinnend durch die Baufolie in den Himmel.

„Ick sage mal so, Herr Doktor,“ begann er und fiel ins Sie zurück. „Cognac, das ist für mich Gemütlichkeit, ein gepflegter Genuss sozusagen und stets was ganz Besonderes.“ Die folgenden Seiten bestätigten diese Einschätzung in jeder Frage und mit jeder Skala. Herr Wroblewski verband edlen Weinbrand mit Familienfeiern und Firmenjubiläen, hielt sich im Alltag aber eher an Schultheiß und Korn.

Das Produktimage war tipptopp, aber zur Zielgruppe gehörte Hans nicht.

Es ging schnell voran und bevor die Sonne dunstig den Zenit erreichte, begann die Verkostung. Vier Ikeagläser wurden gefüllt, gegen das Licht gehalten, beschnüffelt und in ihrer Anmutung beschrieben. Kostete Herr Wroblewski zu Beginn mit spitzen Lippen und wälzte den Weinbrand ausgiebig schmatzend im Mund, so wurden die Schlucke bald vollmundiger und das Urteil beherzter.

Da er auch feinste Nuancen würdigte und wieder und wieder verglich, waren die vier Doppelten weg, bevor die Uhr Zwölf schlug. Ein klarer Favorit konnte nicht ermittelt werden. „Die sind alle lecker!“

Nun legte ich auf dem Tisch wie Spielkarten die Anzeigenmotive aus. Es gab eine Yacht, auf der ein Seebär in die Ferne blickt und dabei den Schwenker schwenkt. Es gab ein reifes Paar, das einander aus unerklärlichen Gründen im Pferdestall zuprostet. Und es gab den Pfeife rauchenden Leser, der in ledernen Originalausgaben blättert, während neben ihm der Weinbrand atmet. „Welches Bild, Hans, verbindest du am ehesten mit dem Genuss von Deutschem Weinbrand?“, frage ich.

Hans Wroblewski nahm jedes Foto einzeln in die Hand und betrachtete es. Ohne den Blick abzuwenden, griff er ein leeres Glas und setzte es wieder ab. Seine Lippen bewegten sich, als würde er mit jemandem sprechen. Jede Szene nahm er ernst, mit jeder setzte er sich auseinander. Jedes dieser Bilder ging ihm an Herz und Gemüt.

Endlich hob er den Blick und schaute mich aus feuchten Augen an. Seine Hände zitterten, als er mir den Fotokarton hinhielt.

Im Vordergrund sitzt eine Frau in einem beigen Sessel. Gekuschelt in einen Angoraschal, lächelt sie den Betrachter an. Verschwommen im Hintergrund lehnt ein Mann an einem Sandsteinkamin, in dem ein Feuer knistert. Der Mann ist groß und lächelt auch. Das braun gelockte Haar berührt den Kragen des Seersucker Hemds über das locker ein wollweißer Cardigan fällt. In den Händen erwärmt der Mann zwei kindskopfgroße Schwenker, in denen golden der Weinbrand schwappt. Gleich wird er an die Frau herantreten und sie wird sich ihm zuwenden und er wird ihr ein Glas reichen.

„Das Bild“, sagte Herr Wroblewski, seine raue Stimme wird kleiner mit jedem Wort, das er sucht, „das Bild ist das schönste. Wie sie ihm vertraut und wie er sich kümmert. Wie die so beisammen sind. Das ist das schönste. Alles so gemütlich und friedlich. Und so voll Liebe. Die achten aufeinander, die sind füreinander da…. Da denk ich an meine Ehe und wie schön das auch war … Ist lange her… Das ist das schönste, wa?“

Ich hielt seinem traurigen Blick nicht stand, schaute raus in die Kirschblüte, die hinter der Baufolie verschwamm und schämte mich. Mit dem Mist hatte ich fünfzig Mark verdient.

Abonniere "Kurts Stories", um Updates direkt in deinem Posteingang zu erhalten
Frau + Herr Kurt

Abonniere Frau + Herr Kurt, um zu reagieren

Abonnieren

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste, der kommentiert!

Abonniere Kurts Stories, um Updates direkt in deinem Posteingang zu erhalten